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Laut Tagebuch von Peter Schappert, wurden die Deportierten am 29. April 1945 um 7.00 am Bahnhof Poitiers ausgeladen und trafen nach einem längeren Fußmarsch um 8.00 Uhr im Lager ein. Dabei wurden sie von französischem Wachpersonal begleitet und zu zügigem Marschieren angetrieben. Franz Schreiner, schwer herzleidend, konnte das Marschtempo nicht mithalten und befand sich am Ende der Kolonne. Seine lebenswichtigen Herzmedikamente fehlten, weil ein französischer Soldat in Dahn vor dem Abtransport die Annahme der Medikamente von Schreiners Tochter verweigert hat. Marianne Wegmann, verh. Hecker, befand sich als Jugendliche ebenfalls am Ende des Zugs. Sie berichtete auf der Poitiers-Ausstellung 1995, dass Franz Schreiner ohne Fremdeinwirkung zusammengebrochen sei. Wer Schreiner helfen wollte, wurde vom französischen Begleitpersonal zum Weitermarschieren gezwungen. Sowohl Marianne Wegmann als auch Mitgefangene bestätigten, dass Franz Schreiner auf einem Steinhaufen neben der Straße lag und keine Hilfe geleistet werden durfte. Er starb vermutlich an Herzinsuffizienz, da die notwendigen Medikamente fehlten. Wo Franz Schreiner beerdigt wurde, konnte Monsieur Hiernard leider nicht ermitteln.
Zum Tod der beiden Männer finden sich in den Akten nur folgende Angaben: Nr. 517. Franz Schreiner am 29. April 1945, gestorben rue de l’Hotel Dieu, 15, geboren am 16. April 1885, Deutscher Zivilgefangener. Am Rande ist vermerkt: Schreiner Franz 60 Jahre alt. – Nr. 928. Jakob Burkhard starb am 27. Juli im Camp de la Chauvinerie, geboren in Busenberg, am 16. August 1888, Sohn von Theobald Burkhard und Barbara Schanz, Deutscher Zivilgefangener. Am Rande ist vermerkt: Burkhard Jakob, 56 Jahre alt. – Beide Totenscheine sind von Monsieur Alexis Cavalery, Direktor der Abteilung für allgemeine Bestattungsunternehmen in Poitiers, und Paul Blet, stellvertretender Bürgermeister und Zivilstandsbeamter von Poitiers, unterschrieben.
Eine für die Hinterbliebenen wichtige Mitteilung Monsieur Hiernards besagt, dass es in Poitiers keine Gräber mehr von Internierten gibt. Die deutschen Toten wurden 1961 auf den deutschen Soldatenfriedhof von Mont-d'Huisnes in der Nähe des Mont Saint-Michel umgebettet. Dort hat auch Jakob Burkhard seine letzte Ruhestätte gefunden. Nach Auskunft des VdK ist Franz Schreiner dort nicht verzeichnet.

Bleiben zum Schluss noch die zwei entscheidenden Fragen: Was waren die Gründe zur Deportation und wer waren die Ersteller der LISTE?
Eine schriftliche Begründung für die Verschleppung liegt nicht vor. Die angeblich von französischer Seite vorgebrachte Behauptung, die Sicherheit der Truppen sei gefährdet, ist angesichts der totalen Niederlage absurd. Die allgemein zu hörende Begründung, dass nur NSDAP-Mitglieder deportiert wurden, kann nur bedingt gelten. Denn NSDAP-Mitglieder blieben zu Hause, während Nicht-NSDAP-Mitglieder, ja sogar NS-Opfer, deportiert wurden.
Zur Gruppe der unschuldig Deportierten ist mit Sicherheit Familie Wegmann zu rechnen. Marianne Wegmann, eine 16jährige Schülerin bei den Englischen Fräuleins in Landau, wurde am 19. April 1945 nach Ankunft des Zugs in Dahn am Bahnhof festgenommen und direkt zu den wartenden Deportationsbussen gebracht. Ihr Vater Josef Wegmann hat keiner Partei angehört und während der gesamten NS-Zeit seine schützende Hand über seine Stieftochter Ruth gehalten. Er war sehr darauf bedacht, dass Ruths jüdische Herkunft nicht bekannt wurde. Dennoch wurde er deportiert. Ruth selbst war ein Nazi-Opfer und wurde 1944 wegen eine Orange, die sie einem abgeschossenen kanadischen Flieger im Krankenhaus gegeben hatte, als Volksverräterin zu einem Jahr Zuchthaus verurteilt mit Aberkennung der Ehrenrechte. Ruth wurde am frühen Nachmittag in ihrer Wohnung im Büttelwoog verhaftet und von einem Polizisten zu einem der wartenden Busse gebracht. Beim Einsteigen in den Bus konnte Ruth auf der LISTE, die ein französische Soldat in seiner Hand hielt, die drei Namen Josef, Ruth und Marianne Wegmann lesen, die am Ende der Namensliste mit Bleistift eingetragen, waren.
Was sollte mit der skandalösen Denunziation einer jungen Frau erreicht werden, die von den Nazis wegen „Kollaboration mit dem Feind“ ins Zuchthaus gebracht worden war und nach der NS-Zeit sofort von Nicht-Nazis – oder waren es doch die gleichen – als „NS-Kollaborateurin“ den Franzosen übergeben wurde?
Die Denunzianten und ihre Beweggründe liegen bis heute im Dunkel.
Ruth Wegmann wurde dafür bestraft, dass sie menschlich gehandelt hat. Ihr „Verbrechen“ bestand einzig darin, dass sie das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe ernstgenommen hat. Die Frage nach dem Warum wird auch in ihrem 101. Lebensjahr nicht beantwortet werden können.
Nach heutigem Kenntnisstand kann nur gesagt werden: Die LISTE ist von Dahnern erstellt und den Franzosen nach Straßburg zugespielt worden. Sie ist nicht das Werk eines Einzeltäters, sondern eine „Gemeinschaftsleistung". Der Personenkreis der Denunzianten lässt sich auf wenige Männer und Frauen beschränken. Eine letzte Sicherheit über diesen Personenkreis wird es wohl nicht mehr geben. Im Dahner Archiv sind dazu keine Hinweise zu finden, und im Pfarrgedenkbuch wird der Vorgang, der sich in der katholischen Kirche abspielte, von Pfarrer Hafen, mit keinem Wort erwähnt. Ohne letztendliche Sicherheit verbietet sich eine Veröffentlichung des kleinen Personenkreises der vermuteten LISTEN-Ersteller.
Halten wir es mit Ruth Wegmann. Bei der Eröffnung der Poitiers-Ausstellung im November 1995 sagte sie: „Ich kann zwar das zugefügte Unrecht nicht vergessen, aber ich kann verzeihen.“

Auch für dieses dunkle Kapitel Dahner Geschichte gilt die Einsicht, dass nicht Verdrängung, sondern Erinnerung Wunden heilt.



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